Marty Supreme
| Filmkritik

Marty Supreme (2026)

Der beste Film bei den diesjährigen Oscars?

Erstmalig in ihrer gemeinsamen Filmkarriere gehen die Safdie-Brüder, Josh und Benny, getrennte Wege. Sechs Jahre nach ihrem Netflix Erfolg Uncut Gems kehren gleich beide Brüder mit einem Film zurück. Interessanterweise widmen sich die Brüder jeweils dem Sportgenre. Während Benny Safdie das UFC-Drama The Smashing Machine inszenierte, widmet sich Joshua Safdie dem Tischtennis. Sein Film erzählt eine fiktionale Geschichte, inspiriert vom Leben der Legende Marty Reisman.

Das in Marty Supreme wesentlich mehr steckt, als in einem einfachen Sportfilm, erfahrt ihr hier in meiner Filmkritik.

Worum geht es in Marty Supreme ?

Der Schuhverkäufer Marty Mauser (Timothée Chalamet) ist ein herausragender Tischtennisspieler.
Eine für ihn denkwürdige Niederlage gegen den japanischen Profi Endo, haben seinen Ehrgeiz nur vergrößert. Sein Ziel ist es Endo beim anstehenden Turnier in Japan zu schlagen. Um Geld für das Turnier in Japan aufzutreiben, begibt sich Marty auf eine wilde Odyssee durch New York. Dabei gerät er unter anderem an einen zwielichtigen Hundebesitzer (Abel Ferrara). Außerdem schwängert er seine Freundin Rachel (Odessa A´zion) und trifft auf die ehemalige Hollywood-Ikone Kay Stone (Gwyneth Paltrow) und ihren reichen Ehemann Milton (Kevin O´Leary). Ein Adrenalintrip mit der Geschwindigkeit einer Pingpong-Partie. 

Der beste 80er-Film, der in den 50ern spielt

Für die Inszenierung seines Sport-Dramas, hat sich Regisseur Joshua Safdie für einen untypischen Erzählstil entschieden. Obwohl Marty Supreme in den späten 50ern ansiedelt, lässt er den Film wirken, als wäre er ein Produkt der 80er Jahre. Das liegt insbesondere an der Musikauswahl des Films. Neben zeitgenössischer Musik prägen insbesondere die Lieder von Alphaville oder Peter Gabriel den Film. Aber auch der Score von Komponist Daniel Lopatin wirkt wie eine Reminiszenz an das Kino der 80er Jahre. Die Stücke sind eine Mischung wuchtigen Synthie-Trommeln und Panflötenmusik. Sie verleihen dem Film den hektischen Unterton eines Großstadtdschungels. 
Es ist aber nicht nur die Musik, die ihren Beitrag leistet. Auch die Bilder des Kameramanns Darius Khondji, kombiniert mit den Settings, die Szenenbildner Jack Fisk erschaffen hat, tragen dazu bei. Die Trainingsspiele in verruchten Pingpong-Hallen erinnern an Die Farbe des Geldes, während man sich beim ersten Turnier in London stellenweise an B-Movies wie Bloodsport und Over the Top erinnert fühlt. 

Eine Hetzjagd durch die Straßen New Yorks

Schon zu Zeiten, als die Sadfie-Brüder ihre Filme noch gemeinsam drehten, wussten sie einen mit Adrenalin geladenen und hektischen Film zu inszenieren – ohne dabei den Überblick zu verlieren. In gewisser Hinsicht ist Marty Supreme nur der Höhepunkt eines Rausches, der mit Good Time gestartet und in Uncut Gems weiterentwickelt wurde. Eine weitere wilde Hetzjagd durch die Straßen New Yorks. Joshua Safdie öffnet in seinem Film viele kleine Kapitel, die, wie in einem verschachtelten Witz, irgendwann ihre Pointe erreichen. Safdie folgt keiner klassischen Dramaturgie. Vielmehr reiht er Ereignisse aneinander, die von einem übergeordnetem Sportfilm- sowie Aufstiegs- und Fallgeschichte zusammengehalten werden. Es lässt sich hier auch eine Brücke zu Paul Thomas Andersons One Battle After Another schlagen. Nicht nur sind beide Filme dieses Jahr für den Oscar zum besten Film nominiert – auch Marty Mauser muss sich von einem Kampf und den nächsten stürzen, um an sein Ziel zu gelangen. 

Abel Ferrara, der King of New York und die Kunst der Eskalation

Einer dieser Geschichte dreht sich um Ezra (Abel Ferrara) und seinem Hund – ein perfektes Beispiel für den Wahnsinn, der in Marty Supreme herrscht. Alles beginnt damit, dass Marty in seiner Badewanne durch die Decke des darunterlegenden Hotelzimmers kracht, dabei Ezra den Arm bricht und dessen Hund verletzt. Mit dem Auftrag diesen zum Arzt zu bringen, gerät die Situation immer mehr außer Kontrolle. Der schwarze Schäferhund springt aus dem Wagen und verschwindet in der Nacht – während Marty und sein Kollege Wally (Tyler, the Creator) vor ein paar Männern fliehen, die sie zuvor beim Pingpong ausgenommen haben. Kurz darauf eskaliert die Situation komplett: Fenster zersplittern, der Hund flieht und es explodiert eine Tankstelle. Was wie der Höhepunkt dieser Episode klingt, ist erst der Anfang einer Geschichte, die in Erpressung und einer wilden Schießerei enden wird. Später lernen wir das wahre Gesicht von Ezra kennen. Durch Abel Ferrara schimmert der dreckige Gangsterfilm in Marty Supreme durch – ein Genre, welches Ferrara selbst nur zu gut kennt. Solche Beispiele finden sich häufiger im Film wieder. Sie sind das chaotische Herzstück, die ein Potpourri der Gefühle erzeugen. Eine Achterbahnfahrt bei der man lacht, weint und sich vor Spannung aus dem Sessel lehnt. 

Marty Mauser der Anti-Tom Cruise

Es ist schon faszinierend, wie sehr es Marty und der Film schaffen, einen in den Bann zu ziehen – insbesondere bei den Pingpong-Matches. Denn dabei ist die Person Marty Mauser ein waschechtes Arschloch: vollgepumpt mit zu viel Selbstbewusstsein und um kein Wort verlegen. Er ist überheblich und arrogant, zielstrebig und egoistisch. Er besitzt alle Eigenschaften, die aus ihm alles andere als einen Sympathieträger machen. Timothée Chalamet, der Marty verkörpert, tut in dieser Rolle wirklich alles um sein Image als wortkarger, mysteriöser Schönling abzulegen – mit Erfolg. Basierend auf der realen Tischtennis-Legende Marty Reisman, orientierte sich Chalamet an dessen Persönlichkeit. In gewisser Hinsicht funktioniert die Rolle des Marty Mauser auch wie die verdrehte Version eines Tom Cruise. Während dieser Film wie ein Produkt der 80er wirkt, prägte Tom Cruise das Kino dieses Jahrzehnts. Mehrfach schlüpfte er in die Rolle des überheblichen Schönlings, der zu hoch flog, nur um später auf dem Boden der Tatsachen zu landen – wie zum Beispiel in Top Gun. 
Diesen Werdegang findet man auch bei Marty Mauser wieder – nur das dieser nicht das klassische Schönheitsideal erfüllt. Tom Cruise besaß schon immer Ausstrahlung eines Superstars. Die Figur Marty Mauser hingegen ist ein schmächtiger Typ mit Oberlippenflaum und Brille. Umso beeindruckender ist sein Charisma, dass er auf die Zuschauer und weiblichen Figuren im Film ausübt.  Timothée Chalamet legt in Marty Supreme die bisher beste Leistung seiner Karriere hin. Er dürfte dieses Jahr große Chancen auf den Oscar für die beste Hauptrolle haben. 

Fazit: Safdie bringt Pingpong zurück auf die Karte

Joshua Safdie zeigt, dass er auch ohne seinen Bruder zu Unglaublichem fähig ist. Er erweckt ein lebendiges New York der 50er Jahre und liefert gleichzeitig eine wunderschöne Hommage an das Kino der 80er ab. Marty Supreme ist eine Liebeserklärung an das Tischtennis – einen Sport, der selten im Fokus steht – und ein Film, der unbedingt auf der großen Leinwand erlebt werden sollte. 

Marty Supreme läuft seit dem 26. Februar 2026 in den deutschen Kinos.

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