Heute Nacht ist es soweit und die 98. Oscarverleihung findet statt. Im ersten Teil meiner Oscar-Retrospektive habe ich euch bereits die ersten fünf Filme vorgestellt, die ins Rennen um den besten Film gehen.
Im zweiten Teil stelle ich euch die restlichen fünf Filme vor. Welche Siegeschancen die jeweiligen Filme haben und wer mein persönlicher Favorit ist, erfahrt ihr jetzt.
Marty Supreme (Marty Supreme; Regie: Joshua Safdie)
Erstmalig führt Joshua Safdie ohne seinen Bruder Benny Regie. Eine Leistung, die seinem Film Marty Supreme direkt neun Nominierungen einbringt. Für mich ist Marty Supreme der heißeste Anwärter als bester Film zu gewinnen. Ebenso denke ich, dass Joshua Safdie den Oscar für die beste Regie abräumt. Zwar ist der Film politisch nicht so aktuell wie zum Beispiel Mitfavorit
One Battle After Another, aber der Stil und der Spaß von Marty Supreme sprechen für ihn.
Überraschend war für mich die Nicht-Nominierung für die beste Filmmusik, da ich den Score von Daniel Lopatin grandios fand.
Ich könnte mir einen Sieg in mehreren Kategorien vorstellen. Timothée Chalamet liefert die beste Leistung seiner Karriere ab und trotz aller Hektik und vieler kleiner Episoden im Film schaffen es Kamera und Schnitt, dass man stets den Überblick behält. Somit traue ich dem Film einen Sieg in mindestens vier seiner neun Kategorien zu.
Eine ausführliche Kritik zu Marty Supreme gibt es hier.
Oscarprognose: 4/9
One Battle After Another (One Battle After Another; Regie: Paul Thomas Anderson)
Paul Thomas Anderson ist einer der größten Regisseure unserer Gegenwart. Dennoch finden seine Filme bei den Oscars nicht immer die größte Beachtung. Dieses Jahr sieht das etwas anders aus. Sein Film One Battle After Another ist gleich dreizehnmal nominiert und trotzdem nicht der Film mit den meisten Nominierungen. Viele sind sich einig, dass mit One Battle After Another ein Film für die Ewigkeit geschaffen wurde. Lose basierend auf einem Roman von Thomas Pynchon versetzt Anderson die Geschehnisse in die Gegenwart. Er gibt Einblicke in die Problematik amerikanischer Politik und erzählt gleichzeitig eine humorvolle Odyssee eines Vaters (Leonardo DiCaprio), der seine Tochter (Chase Infiniti) sucht.
Allein die Menge der nominierten Darsteller rechtfertigt eigentlich schon den Oscar für das beste Casting. In der Kategorie bester Nebendarsteller treten gleich zwei Schauspieler aus dem Film gegeneinander an: Sean Penn, der hier eine Art militärischen T-1000 spielt und eine der besten Leistungen seiner Karriere abliefert, und Benicio del Toro, der durch Sympathie und ein paar kleine Bierchen nicht weniger verdient nominiert ist. One Battle After Another lässt sich schwer einordnen. Aufgrund des aktuellen Zeitgeists könnten die Chancen auf den Oscar für den besten Film sogar etwas höher stehen als bei Marty Supreme.
Oscarprognose: 5/13
The Secret Agent (O Agente Secreto; Regie: Kleber Mendonça Filho)
Der brasilianische Politthriller ist wahrscheinlich mein Geheimtipp in dieser Liste – ein weiterer Film, der die diesjährigen Nominierten zu einem der stärksten Oscar-Filmjahre macht.
Angesiedelt zur Zeit einer Militärdiktatur zeigt Regisseur Mendonça Filho das Leben in Brasilien während der 70er Jahre. Dabei befasst er sich mit Themen wie Korruption und Gewalt, lässt aber immer wieder seine Liebe zum Kino durchsickern. Es gibt Verweise auf Der weiße Hai, und insgesamt wirkt sein Film wie eine Mischung aus Sergio Leone und Martin Scorsese.
Insgesamt wurde The Secret Agent viermal nominiert. Hauptdarsteller Wagner Moura gewann bereits den Golden Globe und ist erneut als bester Hauptdarsteller nominiert.
Als bester internationaler Film muss es The Secret Agent mit Sentimental Value aufnehmen, der ebenfalls als bester Film und bester internationaler Film nominiert ist.
Das Casting mit vielen Laiendarsteller wurde sehr authentisch zusammengestellt. Über einen Oscar als bester internationaler Film würde ich mich sehr freuen.
Oscarprognose: 1/4
Sentimental Value (Affeksjonsverdi; Regie: Joachim Trier)
Das skandinavisch-amerikanisch produzierte Familiendrama Sentimental Value schlägt leise Töne an – in diesem Kampf der Giganten. Wo in den anderen Filmen viel geschrien wird und sich Hauptfiguren auf anstrengende Reisen begeben, ist dieser Film ein Drama im engsten Kreis. Joachim Trier fokussiert sich voll und ganz auf seine Figuren und hat damit bei der Academy viel Anklang gefunden. Gleich neunmal wurde der Film nominiert, darunter vier Nominierungen für die Darsteller. Renate Reinsve ist als beste Hauptdarstellerin nominiert, Stellan Skarsgård als bester Nebendarsteller. In der Kategorie beste Nebendarstellerin hoffen Elle Fanning und Inga Ibsdotter Lilleaas auf einen Sieg. Das Ensemble ist wirklich stark und macht den Film sehr sehenswert. Als Horrorfilmfan wünsche ich Amy Madigan für ihre Rolle in Weapons den Nebendarstellerinnen-Oscar. Ansonsten hat mich Inga Ibsdotter Lilleaas wirklich überrascht. Für meinen subjektiven Geschmack gibt es in jeder Kategorie immer einen noch stärkeren Kandidaten. Das macht den Film aber noch lange nicht zum Verlierer des Abends.
Oscarprognose: 0/9
Train Dreams (Train Dreams; Regie: Clint Bentley)
Der melancholische Spätwestern ist der Underdog dieser Oscarsaison. Mit seinen ruhigen, naturbezogenen Bildern und der Erzählerstimme aus dem Off erinnert der Film an die Werke von Terrence Malick. Neben Frankenstein ist Train Dreams der zweite Film, der für Netflix als bester Film ins Rennen geht. Netflix erwarb die Rechte am Film, nachdem dieser auf dem Sundance Festival 2025 sein Debüt feierte.
Selbst wenn der Film leer ausgehen sollte, ist es für Train Dreams bereits ein großer Erfolg, bei diesem Event mehrfach nominiert zu sein. Der Film wurde außerdem für beste Kamera, bester Filmsong – gesungen von Nick Cave – und bestes adaptiertes Drehbuch nominiert. Ich glaube jedoch, dass die Konkurrenz in diesem Jahr zu groß ist, weshalb ein Sieg in einer der Kategorien schwierig wird. Die größten Chancen auf einen Oscar dürfte Kameramann Adolpho Veloso haben, dessen Aufnahmen im Film wirklich herausstechen.
Oscarprognose: 0/4
Den ersten Teil meiner Retrospektive verpasst? Hier könnt ihr meinen Artikel zu den anderen Oscarfilmen nachlesen.


